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Händchenhalten ist nicht vorgesehen

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Merkel und Hollande gedenken am 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun an

historischer Stätte der Opfer

Von Martina Zimmermann (epd)

Vor drei Jahrzehnten kam es in Verdun zu einer historischen Geste: Im Gedenken an die Opfer des Weltkriegs standen François Mitterrand und Helmut Kohl Hand in Hand. Nun wollen Hollande und Merkel dort ein Zeichen der Aussöhnung setzen.

Verdun (epd). Französische Soldaten putzen eifrig die weißen Kreuze auf dem Friedhof vor dem Beinhaus von Douaumont bei Verdun. Techniker bauen an Gerüsten, tragen Lautsprecher und Mikrofone auf den Platz am Eingang, auf dem am Sonntagnachmittag Bundeskanzlerin Angela Merkel vom französischen Staatspräsidenten François Hollande mit militärischen Ehren empfangen wird.

Der frankophile deutsche Filmregisseur Volker Schlöndorff hat die im Anschluss geplante Zeremonie zum Gedenken an eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren inszeniert: Unter dem Trommelschlag der französischen„Tambours du Bronx“ sollen 4.000 französische und deutsche Jugendliche aus den umliegenden Wäldern in die Nekropole hinabsteigen, in der die Gebeine von 130.000 französischen und deutschen Soldaten liegen. Merkel und Hollande werden kurze Ansprachen halten.

Vor mehr als drei Jahrzehnten war es an gleicher Stelle zu einer historischen Geste gekommen: Bei der Zeremonie zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns am 22. September 1984 fassten sich der französische Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Beinhaus spontan an den Händen und verharrten so minutenlang schweigend. Das Foto der beiden Staatsmänner ging

als Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein. Eine solche Geste sei diesmal nicht vorgesehen, heißt es. Merkel und Hollande wollten aber „ein neues Zeichen der Aussöhnung und Freundschaft beider Länder setzen“. Sie werden gemeinsam im Beinhaus eine deutsch-französische Gedenktafel enthüllen und auf dem deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye einen Kranz niederlegen. Seit das Beinhaus 1932 gebaut wurde, waren nur französische Namen auf den Gedenktafeln eingraviert, nun stehen dort auch die ersten deutschen Namen. Merkel wird zudem als erste deutsche Kanzlerin die Stadt Verdun besuchen und am Denkmal für die Toten der Weltkriege einen Kranz niederlegen. In der Schlacht um Verdun kamen zwischen Februar und Dezember 1916 mindestens 300.000 Soldaten verschiedener Nationalitäten ums Leben, bei den Artilleriegefechten wurden zudem 400.000 Menschen verletzt. Das „Mémorial de Verdun“ wurde drei Jahre lang renoviert und völlig neu gestaltet. Das eckige Gebäude aus hellem Stein mit dunkler Verglasung soll nun das gemeinsame deutsch-französische Leiden am Ersten Weltkrieg vor Augen führen. Das neue Museum solle es der Jugend ermöglichen, sich in die Haut eines Soldaten an der Front zu versetzen, erklärt Memorialdirektor Thierry Hubscher. Bei der Auswahl von Zeugenaussagen und Dokumenten sei es um darum gegangen,„Emotionen (zu) illustrieren“. Deutsche und französische Historiker erklären in der Ausstellung, wie es zur Schlacht von Verdun kam, die nach zehn Monaten intensiver Artilleriegefechte ohne eine wesentliche Verschiebung des Frontverlaufs zwischen Deutschland und Frankreich endete.

Mehr als 60.000 Besucher kamen seit der Wiedereröffnung im Februar, im gesamten Gedenkjahr 2016 werden mindestens 400.000 erwartet. Die Besucher steigen nun gewissermaßen hinunter in die Hölle des Krieges: Im Innern des Memorials geht der Besucher auf Glasscheiben wie auf dem Boden des Schlachtfeldes aus Schlamm und Granatsplittern. Alle Beschriftungen und Audios sind dreisprachig: Französisch, Deutsch, Englisch. Hollande und Merkel werden die Gedenkstätte in Anwesenheit von EUParlamentspräsident

Martin Schulz, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Jun-cker und EU-Ratspräsident Donald Tusk noch einmal offiziell eröffnen. Das Treffen Gesellschaft im Zeichen Europas soll auch zeigen, dass das deutsch-französische Paar das kriselnde Europa wieder in Schwung bringen will. Beim gemeinsamen Mittagessen werden die Themen des nächsten EU-Gipfels diskutiert: der mögliche Brexit, Griechenland, Flüchtlinge. In vielen Ländern Europas erstarken Rechtspopulisten, in Frankreich ist der Front National sogar zur stärksten Partei aufgestiegen. Rechte sorgten auch dafür, dass ein abendliches Rap-Konzert zum Abschluss des Gedenktags abgesagt werden

musste. Der Auftritt des aus dem Senegal stammenden Künstlers Black M sollte auch daran erinnern, dass im Ersten Weltkrieg Soldaten aus den damaligen französischen Kolonien gekämpft haben. Black M ist Mitglied der Band „Sexion d’Assaut“, der Rechtsextremisten anti-französische Texte vorwerfen. Deshalb dürfe er nicht an den Gedenkfeiern teilnehmen, forderten sie. Aus Angst vor Störungen

der öffentlichen Ordnung durch Rechte sagte der sozialistische Bürgermeister von Verdun, Samuel Hazard, das Konzert ab.

Das Konzert sollte zeigen, dass Verdun nicht auf seine leidvolle Weltkriegsgeschichte reduziert werden dürfe. „Verdun ist kein Friedhof, man weint hier nicht täglich, man lacht und amüsiert sich“, sagt Vincent Jacquot vom Tourismuskomitee. Der Besuch von Kanzlerin Merkel am Sonntag endet nun mit dem Entzünden einer ewigen Flamme und der Eintragung ins Goldene Buch.